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Erfahrungsbericht - Judith

Ausgangssituation

Judith K. 14 Jahre, wohnt bei ihrem Vater. Ihre Mutter ist vor 3 Monaten gestorben. Sie hat sich umgebracht, nachdem sie viele Jahre unter starken Depressionen gelitten hatte. Judith hat noch eine 21 Jahre alte Schwester, die jedoch vor kurzem ausgezogen ist.

Der Vater ist mit der Gesamtsituation überfordert. Er verlangt von Judith, dass sie das tut, was er für richtig und notwendig findet. Es gibt fast täglich Streit zwischen Judith und dem Vater. Der Vater schreit und droht mit Schlägen, so dass sich Judith oft nur noch in ihr Zimmer retten kann und sich dort einschließt.

Weg von Zuhause

In ihrer Not haut sie ab von Zuhause und lebt abwechselnd bei verschiedenen Freundinnen und Schulkameradinnen aus ihrer Schule, einem Gymnasium. Der Vater toleriert dies, macht auch keine Vermisstenmeldung. Judith hat kein Geld zum Leben und sucht sich einen  400.- € Job, den sie neben der Schule macht.

Alles, was vorgefallen ist, ist zu viel für sie.
Judith kann in der Schule nicht mehr aufpassen.

Auf der Suche nach einer Lösung

Sie weiht eine erwachsene Bekannte ein, die mit ihr schließlich zum Jugendamt geht.

Dort wird Judith zwar zugehört, aber sie wird von der Sozialarbeiterin wieder nachhause geschickt mit der Bemerkung, dass sie ja bei den Freundinnen einen Unterschlupf gefunden habe und auch Geld zum Leben hätte. Insofern bestehe kein akuter Handlungsbedarf.

Die Bekannte von Judith ist empört und verlangt von der Sozialarbeiterin einen gemeinsamen Termin mit dem Vater, in dem geklärt wird, wie es mit Judith weitergehen soll. Judith brauche einen festen Wohnsitz. Sie habe eine kleine Wohnung in Aussicht, die der Vater dann bezahlen solle, wenn es keine Chance auf ein Zusammenleben mehr gebe.

Die Sozialarbeiterin gibt schließlich dem Drängen der Bekannten nach und es kommt zu einem Termin mit dem Vater und Judith im Jugendamt.

Hier zeigt sich der Vater verständnisvoll und stimmt einer finanziellen Unterstützung durch Übernahme der Mietkosten zu.

In einem darauf folgenden Telefonat erklärt der Vater jedoch der Sozialarbeiterin, dass er mit seiner Mutter, der Oma von Judith, geklärt habe, dass Judith bei ihr wohne könne.

Als Judith zwei Wochen später weder von ihrem Vater noch von der Sozialarbeiterin etwas gehört hat, fragt sie nach. Die Sozialarbeiterin teilt ihr mit, was der Vater gesagt hat und meint, dass dies doch eine gute Lösung sei. Judith protestiert und erklärt, dass ihr Vater dort täglich auftauche und die Probleme dort weitergingen. Die Sozialarbeiterin verweigert ihr jedoch einen weiteren Gesprächstermin und meint, dass die Sache für sie erledigt sei.

Kinder haben Rechte !

Zu diesem Zeitpunkt nimmt die Bekannte von Judith Kontakt zum Verein „Kinder haben Rechte“ auf und erzählt, was sich bisher zugetragen hat.

Judith wurde vom Verein über ihre Rechte informiert.

Die Sozialarbeiterin hätte Folgendes tun müssen:

  • Die Gefährdungssituation von Judith zuhause überprüfen.
  • Vermittelnde Gespräche zwischen Judith und dem Vater, bzw. Hilfe bei der Bewältigung der Probleme anbieten.
  • über alle in Frage kommenden Hilfemöglichkeiten, die das Jugendamt anbieten kann, d.h. Hilfe zuhause und Hilfe außerhalb der Familie informieren. Bei der Auswahl der für Judith in Frage kommenden Hilfe beraten.
  • Judith über die neue Entscheidung des Vaters informieren
  • Ein weiteres Gespräch zwischen allen Beteiligten organisieren, um zu prüfen ob Judith wirklich bei der Oma leben kann und will.
  • Den Vater auf seine Unterhaltspflicht gegenüber Judith hinweisen. Es geht nicht, dass er ihr kein Geld für Wohnen und Lebensunterhalt gibt.

Vom Verein wird Judith eine Anwältin vermittelt. Die Beauftragung übernimmt die erwachsene Schwester, da Judith noch nicht selbst einen Anwalt nehmen kann. Die Anwältin klärt den Vater über die Rechtslage auf und erreicht mit ihm eine außergerichtliche Einigung. Er hat kein Interesse an einer Rückkehr von Judith in sein Haus und ist schließlich bereit, die kleine gefundenen Wohnung sowie einen Unterhalt zu bezahlen.

 

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